KEIN SORRYKEIN FILTERKEIN BOCK AUF REGELNMADE FOR TROUBLELÄSTERN STATT REDENKEIN SORRYKEIN FILTERKEIN BOCK AUF REGELNMADE FOR TROUBLELÄSTERN STATT REDEN
Eine Woche. Sieben Tage freundlich sein. Und alles, was dabei nicht gesagt wurde.
Eine ganz normale Woche
Was Florian sagt. Und was er dabei denkt.
Florian ist Softwareentwickler, Vater von zwei Kindern und zu allen freundlich. Jeden Tag, zu jedem, in jeder Lage. Das hier ist eine Woche aus seinem Leben, mit allem, was er ausspricht, und allem, was er runterschluckt.
Nichts davon ist besonders. Genau das ist der Punkt. Wahrscheinlich findest du deine eigene Woche irgendwo dazwischen.
Was gesagt und getan wirdWas gedacht wirdDie Momente, die echt sind
Montag
Neue Woche, gleiche Rolle.
05:31
Wach. Eine Viertelstunde vor dem Wecker. Das Wochenende hat wieder nicht gereicht.
Wie kann man vom Ausruhen so müde sein?
06:15
Frühstück. Turnbeutel vergessen, Zopf zu fest, Brot falsch geschnitten. „Kein Stress, wir schaffen das.“
Ich bin kein Mensch mehr. Ich bin Stress, der eine Brotdose packt.
08:55
Montagsrunde. „Und, wie war euer Wochenende?“ – „Schön, danke! Und deins?“
Ich hab zwei Tage durchgearbeitet. Nur halt ohne Gehalt.
10:40
Neues Ticket, Priorität „dringend“. Von jemandem, der seit Freitag Bescheid wusste. „Klar, mach ich direkt.“
Deine Planlosigkeit ist nicht mein Notfall. Ich mach's trotzdem. Wie immer.
13:10
Keine Zeit für Mittag. Ein Müsliriegel aus der Schreibtischschublade.
Selbst der Riegel wirkt enttäuscht von mir.
17:40
Heimweg. Radio aus. Beide Hände am Lenkrad, viel zu fest.
Die Stille ist das Einzige heute, das nichts von mir will.
19:30
Hausaufgaben. Tränen über einer Rechenaufgabe. Nicht meine. „Du schaffst das, komm, zusammen.“
Ich würde auch gern mal einfach heulen dürfen, und jemand sagt: zusammen.
23:47
Küchentisch. Erster Pinselstrich der Woche.
Montag, du kriegst Rot. Ganz viel Rot.
Montag ist nicht schlimm. Montag ist nur der Anfang von noch sechs Tagen.
Dienstag
Alle wollen was. Keiner fragt, wie's geht.
05:52
Ein Kind steht am Bett. Schlecht geträumt. Kuscheln, bis der Wecker klingelt.
Vierzig Minuten, in denen ich nichts leisten muss. Nur da sein.
07:58
Kita. Eine Mutter erzählt von ihrem Pilates-Retreat. Nicken. „Klingt toll!“
Mein Retreat ist die Ampel an der Hauptstraße. Die ist immerhin rot.
09:30
Code-Review. Jemand schreibt „Nur eine kleine Anmerkung“ unter 47 Kommentare.
Ich hätte gern auch nur eine kleine Anmerkung. Sie hat fünf Finger, und einer steht.
11:45
Anruf vom Kunden. „Das hatten wir doch so besprochen!“ Hatten wir nicht. „Da haben Sie natürlich recht.“
Recht haben Sie nur, weil ich zu müde für die Wahrheit bin.
15:20
Kopfschmerz. Dritte Tablette diese Woche. Weitertippen.
Es ist Dienstag.
18:10
Abendessen. „Papa, warum guckst du so?“ – „Ich guck doch gar nicht.“
Sogar die Kinder sehen es schon. Nur ich soll es nicht zeigen.
22:05
Sofa. Handy. Durch fremde Leben scrollen, die alle gelungener aussehen.
Alle #blessed. Alle lügen. Ich auch, nur ohne Filter.
00:20
Leinwand. Ein Mund, weit offen.
Schreien, ohne dass es jemand hört. Funktioniert erstaunlich gut auf Leinwand.
Keiner hat gefragt, wie es mir geht. Ich hätte eh „gut“ gesagt.
Mittwoch
Bergfest. Ohne Berg. Ohne Fest.
06:00
Wecker. Snooze. Wecker. Snooze. Aufstehen.
Jeder Snooze ist ein kleiner Streik, den keiner bemerkt.
08:40
Im Büro hängt ein Plakat: „Wir sind eine Familie!“
Ich hab schon eine Familie. Die bezahlt mich nur nicht.
10:00
Workshop „Resilienz im Arbeitsalltag“. Pflichttermin. Mitschreiben. Nicken.
Ich soll lernen, mehr auszuhalten. Statt dass mal einer weniger draufpackt.
12:15
Kollege: „Du wirkst immer so entspannt, wie machst du das?“ – „Gute Gene, haha.“
Ich mach das gar nicht. Ich spiel das nur sehr, sehr gut.
16:50
Elternabend-Erinnerung. Kuchenspende. Laternenbasteln. „Ich bring was mit!“
Ich kann nicht mehr. Aber ich kann Muffins. Also Muffins.
17:30
Auto vor der Haustür. Motor aus. Nicht aussteigen.
Fünf Minuten nichts sein müssen. Kein Papa, kein Kollege, kein Netter. Einfach leer.
20:30
Zwei Kinder, ein Buch, drei Stimmen für den Drachen.
Hier spiele ich keine Rolle. Hier bin ich einfach Papa. Und Drache.
23:58
Küchentisch. Muffinteig im Kühlschrank, Farbe auf dem Tisch.
Halbzeit. Zeit für einen Mittelfinger. Ganz in Ruhe gemalt.
Die Hälfte ist geschafft. Von was eigentlich?
Donnerstag
Der Tag, an dem nichts mehr geht. Und trotzdem alles weiterläuft.
04:12
Wach. Herzrasen. Im Kopf läuft schon das Daily.
Selbst mein Körper hat Überstunden.
06:20
Frühstück. Lächeln. Witz über den Toaster. Kinder lachen.
Gut, dass Lächeln keine Batterie anzeigt.
09:15
Produktiv ist down. Alle schauen auf mich. „Ich kümmere mich.“
Wer kümmert sich eigentlich um den, der sich um alles kümmert?
11:02
Problem gefunden. Fix live. Vom Chef kommt ein Daumen im Chat.
Ein Emoji. Für drei Stunden Panik und einen Puls von 140.
14:20
Büroklo. Tür zu. Zwei Minuten auf die Fliesen starren. Atmen. Wasser ins Gesicht.
Keiner hier merkt, dass ich gerade nicht mehr kann. Das ist der Plan. Und genau das ist das Problem.
14:23
Zurück am Platz. „Alles klar bei dir?“ – „Klar, alles super!“
Drei Minuten. So lange dauert es, wieder der Nette zu sein.
19:00
Zu Hause. Auf den Boden setzen, Lego bauen. Nicht reden.
Die Kinder fragen nicht, warum. Sie bauen einfach mit.
23:30
Leinwand. Graue Farbe. Viel zu viel davon.
Heute schreit das Bild nicht. Heute ist es einfach nur müde. Ehrlicher wird's nicht.
Niemand hat es gemerkt. Das ist das Gefährliche daran.
Freitag
Feierabend ist auch nur ein Gerücht.
06:10
Aufstehen. Ein bisschen leichter. Es ist Freitag.
Freitag ist Hoffnung mit Ablaufdatum.
10:30
„Kurzer Sync, nur zehn Minuten?“ Es werden fünfzig. „Gerne, kein Problem.“
„Kurz“ ist bei euch eine Maßeinheit für Lügen.
15:55
Fünf Minuten vor Feierabend. Neue Mail: „Bis Montag früh, bitte.“
Danke, dass ihr meine Wochenenden immer so gut gebrauchen könnt.
17:05
Pizza-Abend mit den Kindern. Teig überall. Käse an der Decke.
Das Chaos ist das Einzige diese Woche, das sich gut anfühlt.
21:00
Kinder schlafen. Laptop auf. Die Mail von 15:55.
Ich hasse mich ein bisschen dafür, dass ich das wirklich mache.
22:30
Die Freunde kommen vorbei. Bier, schlechte Musik, noch schlechtere Witze.
Zum ersten Mal diese Woche keine Maske. Hier darf ich sagen, dass alles scheiße ist. Und alle nicken.
01:40
Die Freunde sind weg. Leinwand. Ein Gesicht mit Mittelfinger und einem Grinsen.
Das erste Bild der Woche, das nicht nur wütend ist. Auch ein bisschen frei.
Freunde sind die Menschen, bei denen man nicht lächeln muss.
Samstag
Wochenende. Andere Uniform, gleiche Schicht.
06:45
„Papa, es ist hell!“ Es ist nicht hell. Es ist Samstag.
Ausschlafen ist ein Mythos, den Kinderlose erfunden haben.
09:30
Baumarkt. Schlange an der Kasse. Ein Mann beschwert sich bei der Kassiererin. Ich lächle sie an.
Wir zwei wissen beide, wie sich das anfühlt.
14:00
Kindergeburtstag. Zwölf Kinder, ein Hüpfburg-Unfall, Smalltalk mit Eltern. „Ach, bei uns läuft's super!“
Bei uns läuft's. Ich weiß nur nicht, wohin.
16:30
Ein Vater erzählt von seiner Beförderung, seinem Haus, seinem Marathon.
Ich hab diese Woche überlebt. Das ist mein Marathon.
18:15
Zuhause. Arbeitshandy vibriert. Nicht reingucken. Doch reingucken.
Samstag. Und trotzdem gehört mir nicht mal das Vibrieren in der Hosentasche.
20:00
Kinder im Schlafanzug, auf dem Sofa, Film. Ein Kopf auf meinem Arm, eingeschlafen nach zehn Minuten.
Arm eingeschlafen. Herz wach. Nicht bewegen. Nie wieder bewegen.
23:15
Küchentisch. Augen. Nur Augen. Zu müde, um noch so zu tun.
Morgen ist Sonntag. Und Sonntag ist eigentlich schon Montag.
Wochenende heißt nur: Der Chef ist ein anderer.
Sonntag
Der Tag, an dem der Montag schon anklopft.
07:10
Pfannkuchen. Zwei Kinder in Unterhose am Küchentisch. Sirup auf allem.
Wenn die Woche nur aus diesen zwanzig Minuten bestünde, würde ich jeden Tag gern aufstehen.
11:00
Besuch bei den Großeltern. „Und, wie läuft die Arbeit?“ – „Läuft gut!“
Nicht reingucken. Bitte nicht reingucken. Hab reingeguckt.
23:58
Küchentisch. Leinwand. Ein Gesicht, das schreit. Der Mittelfinger daneben.
Alles von Montag bis heute in ein Bild. Endlich nicht mehr lächeln.
02:14
Das Bild ist fertig. Florian ist still. Pinsel auswaschen, Licht aus.
In drei Stunden geht's von vorne los. Aber diese Woche hat einmal jemand für mich geschrien.
Tagsüber lächeln. Nachts Florentino.
Wochenbilanz
Ehrlich gezählt.
41ׄKein Problem“ gesagt
0×davon wirklich so gemeint
∞Mal höflich gelächelt
11×echt gelächelt. Jedes Mal bei den Kindern oder bei den Freunden.
7Nächte am Küchentisch
0Leute, die gefragt haben, wie es wirklich geht
Was am Küchentisch entsteht, gibt es in unserem Shop. Die Originale bleiben im Tagebuch, zu dir kommt eine Kopie als Druck. Und falls du beim Lesen gedacht hast „Das bin ja ich“: Schreib uns deine Uhrzeit ins Gästebuch. Du bist nicht der Einzige, der um 17:20 im Auto sitzt.
Wenn sich deine Woche nicht nur so anhört, sondern genau so anfühlt, und das schon länger: Die Telefonseelsorge hört zu, rund um die Uhr, anonym und kostenlos, unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder auf telefonseelsorge.de. Reden ist kein Zeichen von Schwäche. Du bist nicht allein!